Anlass, Ort
Anlass für die Errichtung des neuen katholischen Pfarrzentrums in Neuried bei München war die stete Zunahme der Kirchengemeindemitglieder in den letzten Jahrzehnten. Die bestehende Kirche ist seit langem zu klein und es bestand ein dringender Bedarf an Räumlichkeiten für die Pfarrei und die vielfältigen Aktivitäten der Kirchengemeinde.

Das Grundstück für das neue Pfarrzentrum befindet sich südöstlich des Ortskerns und istdurch die unmittelbare Nähe zur Umgehungsstraße und die umgebende sehr heterogene Wohnbebauung geprägt.

Der Baukörper des neuen Pfarrzentrums ordnet die städtebauliche Situation und ist als kraftvolle und kompakte Skulptur ausgeformt.
Die verschiedenen Funktionen des Pfarrzentrums - die Kirche, das Pfarr- und Jugendheim, das Pfarrhaus mit Amtsbereich und Wohnungen - gruppieren sich um einen Innenhof als Zeichen der gemeinsamen Mitte. Der Kirchenraum dominiert dabei sinnstiftend die Bau
masse; Pfarrheim und Pfarrhaus ordnen sich diesem deutlich unter.
Der Glockenträger des neuen Gemeindezentrums mit der ehemaligen Glocke des Liebfrauendoms in München ist auf die alte Kirche ausgerichtet.
Ein sphärisches Großkreuz aus Cortenstahl am neuen Pfarrzentrum wird als weithin sichtbares Zeichen, aus allen Richtungen wahrnehmbar, auf die Kirche verweisen. Es istdie letzte Station eines Kreuzweges, der die alte mit der neuen Kirche verbindet. Diese bleibt weiterhin als Ergänzung des neuen Pfarrzentrums in Nutzung und dominiert mit ihrem Turm die Ortsmitte.

Bauliches Konzept
Eine aus dem Boden wachsende Stahlbetonstruktur trägt das neue Bauwerk und verbindetes gleichzeitig mit dem Ort: der gestockte und warmtonig eingefärbte Beton zeigt die Kiesel, die den Boden in Neuried bilden. Diese Basis ist mit einem Gewand ausdunkel und unregelmäßig gebrannten Torfbrandklinkern bekleidet. Je nach Lichteinfall zeigen sie ein vielfältiges Spiel von Licht und Schatten, das von weiß glänzend bis schwarz-braun-matt reicht.
Das Innere des Bauwerks ist durch gut proportionierte Räume mit differenzierten Höhen und eine das Raumkonzept unterstreichende Lichtführung geprägt.

Der Lirchenraum ist als "weißes Gefäß" in den Gesamtbaukörper eingestellt und ist in seiner Eigenständigkeit räumlich innen und außen ablesbar.
Die aus dem goldenen Schnitt entwickelte Raumhülle der Kirche mit ihren geneigten Wand- und Deckenflächen, ihren Öffnungen zum Licht und der Empore entwickelt skulpturale Kraft. Die glatten, weiß gekalkten Wandflächen im Inneren bilden den Grund für das licht und den stillen, erhabenen Ort für die Liturgie: "und in der Stille ist Gott" (Romano Guardini).
Einzig der Tabernakel (Rudolf Bott) ist mit der transzendenten Hülle verbunden. Die besondere Bedeutung des sakralen Raumes ist spürbar und offensichtlich.
Durch zwei überdimensionale Lichtöffnungen fällt diffuses, körperhaftes Licht in den Raum, dem Geist Gottes vergleichbar, strömt es in das weiße Gefäß, geheimnisvoll und mystisch; Symbol für göttliches Licht und göttliche Kraft zugleich. Die Raumgrenzen scheinen sich dabei ins Transzendente aufzulösen.
So wi das Licht über die Lichtöffnungen in den Raum fließt, so strömt aus einer dritten Öffnung die Musik, der Bedeutung der Musik als integraler Bestandteil der Liturgie gerecht werdend.

Der Besucher betritt den Raum über eine größe Öffnung zum Hof, eine Fuge im Gefäß zwischen Innen und Außen. Sie stellt den Übergang zwischen profanem und sakralem Raum dar, ein behutsames Annähern an die mystik des Innenraumes.

Kirchenraum, Liturgie
So wie die Sakristei aus der Überlagerung der äußeren "profanen" Hülle mit dem "inneren" sakralen Gefäß des Kirchenraumes entsteht, kann auch der eigentliche Kirchenraum als ein Raum im Spannungsfeld zwischen Himmel und Erde, dem Göttlichen und dem Irdischen, gelesen werden: der Boden des sakralen Lichtgefäßes ist ein hölzerner Grund; ganz aus schweren Eichenholzdielen gefügt, ist er in das Futteral der weißen Raumhülle eingelegt und besitzt ein hohes Maß an Selbstverständlichkeit. Das Material Holz als gewachsener Baustoff ist gleichzeitig Sinnbild für die gewachsene Pfarrgemeinde.
Die Anordnung der liturgischen Orte und des Gestühls ist durch den Geist des communios und die Choreographie der liturgischen Handlungen geprägt. Die Bämke sind in Blöcken rund um die liturgische Mitte der Altarinsel (Rudolf Bott) gruppiert.
Der unverrückbar mit dem Boden verbundene Altar besetzt dabei den räumlichen Schwerpunkt und das Raumkreuz den geometrischen Schwerpunkt des Raumes.

So entsteht aus dem Zusammenspiel von sakralem Gefäß und irdenem Grund ein Ort der Liturgie und der kirchlichen Gemeinschaft für die Gemeinde Neuried.


Planungsbeginn: Dezember 2002
Baubeginn: April 2006
Fertigstellung: November 2009

Architekten:
meck architekten, Prof. Andreas Meck
Projektleitung:
Axel Frühauf, Susanne Frank
Mitarbeit:
Johannes Dörle, Alexander Sälzle,
Werner Schad (Ausschreibung),
Wolfgang Kusterer (Bauleitung)

Fotos:
Michael Heinrich, München
Florian Holzherr, München



 

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Pfarrzentrum St. Nikolaus, Neuried